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© DER SPIEGEL, 14. Mai 1999:
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© BERLINER ZEITUNG, 30.10.1996:
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© CINEMA.MSN.DE, April 1990: Portrait Greta GarboDie "Göttliche" war noch nicht einmal 36, als sie ihren letzten Film drehte. Garbo, die schon zu Lebzeiten eine Legende war, starb am 15. April 1990.
1923 erhielt sie in seiner Literaturverfilmung "Gösta Berlings Saga" ihre erste große Rolle. Als Stiller einen Hollywood-Vertrag von Metro Goldwyn Mayer bekam, nahm er Greta, die inzwischen den Künstlernamen Garbo angenommen hatte, mit. Nach ihrem ersten US-Film "Torrent" folgten zunächst weitere Auftritte in Stummfilmen. 1926 hatte sie in "Es war" ("Flesh and the Devil") mit John Gilbert eine Affäre – die sich im wirklichen Leben fortsetzte. Die geplante Hochzeit fand jedoch nie statt. Denn die Garbo bekam kalte Füße und ließ den Hollywood-Beau sozusagen am Altar stehen. 1930 kam mit "Anna Christie" Garbos erster Tonfilm in die Kinos. Und die Sorge, dass sich ihr schwedischer Akzent ihre Karriere behindern könnte, erwies sich als unbegründet: Das Publikum liebte die seltsam heißere Stimme der Diva. Auch die Academy of Motion Pictures war von der "Göttlichen" – wie Garbo seit ihrem Film "The Divine Woman" genannt wurde – angetan und nominierte sie 1930 als beste Hauptdarstellerin. Was Garbos Einstellung zur Öffentlichkeit betraf, wurde ein Ausspruch aus "Menschen im Hotel" immer mehr zu ihrem Motto: "Ich will, dass man mich in Ruhe lässt." Die Fans nahmen ihr da jedoch nicht übel, sondern verehrten sie umso mehr – denn ihre Zurückgezogenheit verlieh ihr eine geheimnisvolle Aura. Nach "Anna Karenina" (1935) und "Die Kameliendame" (1936) hatte die Garbo 1939 mit "Ninotschka" nochmals einen großen Erfolg. Regisseur Ernst Lubitsch gelang in der Komödie das Kunststück, eine "lachende Garbo" zu präsentieren. Auf wenig Gegenliebe beim Publikum stieß dagegen Garbos letzter Film: "Die Frau mit den zwei Gesichtern". Danach machten zwar noch jahrelang Gerüchte über ein Comeback der Schauspielerin die Runde, doch die Garbo trat nie wieder vor die Kamera. Auch den Ehren-Oscar, der ihr 1955 verliehen wurde, holte sie nicht persönlich ab. 1963 sagte die Garbo: "Das ewige Rätselraten darüber, ob ich wieder filmen werde oder nicht, finde ich albern. Der Mythos, der meine Person umgibt, bringt mir viel Geld ein, weil meine Filme von Zeit zu Zeit wieder vorgeführt werden. Würde ich bei meinem heutigen Aussehen wieder vor die Kamera treten, wäre nicht nur dieser Mythos zerstört, sondern auch das Geschäft ruiniert." |
© »Das goldene Blatt« – ca. 1990– Waldemar Overkaemping Eine Partie Monopoly mit Königin Silvia ...
Unerkannt fuhr das schwedische Königspaar am nächsten Tag mit einem Taxi durch die Straßenschluchten Manhattans zu dem klotzigen Eckhaus in der 52. Straße, in dem Greta Garbo in einer Fünf-Zimmer-Wohnung mit Blick auf den East River lebte. Wie es schien, gab sie sich nicht die geringste Mühe mit ihrem Aussehen. Sie trug ein schlichtes Hauskleid und hatte das weiße Haar zu einem Zopf geflochten. Nein, diese Frau brauchte schon lange keine Schlapphüte und dunkle Brillen mehr, um unerkannt zu bleiben. Auf dem Tisch, an dem sie ihre Gäste Platz nehmen ließ, lag ein Monopoly-Spiel... Königin Silvia und ihr Mann merkten sehr wohl, daß die alte Dame nicht über sich sprechen wollte. Also plauderte man über Schweden und den Urgroßvater des Königs, Gustav V., der die Garbo abgöttisch verehrt hatte. "Sie spielen Monopoly?" fragte die Königin schließlich. Die Antwort verriet Einsamkeit. "Ich würde schon gern. Aber mit wem denn?" – "Nun", meinte die Königin spontan, "Warum nicht mit uns?" Gesagt, getan. Ihr Vermögen von gut und gern 100 Millionen Dollar hätte es der Garbo erlaubt, mit echtem Geld und Grundbesitz zu spielen. Zwei Männern verdankte sie die Vermehrung ihrer Filmgagen. Der erste war ihr Liebhaber George Schlee. Er hatte Millionen an der Börse gemacht und bewies dieselbe glückliche Hand bei ihrem Geld. Auch ihr Bewunderer Onassis ließ es sich nicht nehmen, sie mit wertvollen Tips zu versorgen. So wurde sie reicher und reicher. Glücklich aber war sie nicht. Ihr Leben schien seinen Sinn verloren zu haben, seit sie sich 1941, nach dem Mißerfolg ihres Films "Die Frau mit den zwei Gesichtern", aus Hollywood zurückgezogen hatte. Zunächst tief verletzt, fehlte ihr später der Mut, es noch einmal zu wagen. Einen Filmvertrag, den sie unterschrieben hatte, zerriß sie wieder. Ihr Testament war eine große Überraschung Jahre später vertraute sie sich Katharine Hepburn an: "Ich werde mich nicht umbringen, werde auch nicht zur Flasche greifen, obwohl ich allen Grund dazu hätte." Zum Schluß trank sie aber doch. Whisky pur, drei Flaschen pro Woche. Dadurch verschlimmerte sich ihr Nierenleiden rapide – dieselbe tückische Krankheit, an der schon ihr Vater gestorben war. Nach ihrem Tod rätselte alle Welt, wer sie beerben würde. Es hieß, sie habe 1988 ihr Testament geändert und Prinzessin Victoria, die Tochter des schwedischen Königspaares, mit einigen Millionen bedacht. Und auch eine gewisse Christine Schmitz aus Köln, die angeblich die Halbschwester des Leinwandidols war, machte sich Hoffnungen auf die Hinterlassenschaft. Vergeblich. Die Testamentseröffnung brachte eine Überraschung. Alleinerbin war eine Frau, die niemand kannte: Gray Reisfield, die Nichte der Garbo und laut Testament seit langem ihre einzige Freundin und Vertraute. |
© HÖRZU, 1985 – George W. Herald Unsterbliche soll man nicht störenGreta Garbo feiert ihren 80. Geburtstag. Es wird ein Geburtstag in aller Stille. Denn die "Göttliche", wie die gebürtige Schwedin seit ihren großen Filmerfolgen in den dreißiger Jahren genannt wird, scheut schon seit Jahrzehnten die Öffentlichkeit. Für HÖRZU schildert ein enger Garbo-Freund das Leben einer Frau, die einmal das große Idol einer Epoche war.
So wird denn die größte Fernsehanstalt der Welt den 80. Geburtstag der "Unsterblichen" mit Filmen aus dem Archiv bestreiten müssen – genau wie auch das ZDF, das am Samstag, den 21.9., den Spielfilm "Anna Christie" ausstrahlt. Seit ihrem letzten Film ("Die Frau mit den zwei Gesichtern", 1941) hat Greta Garbo ihr klassisches Profil nie wieder freiwillig vor eine Kamera gehalten. Nur ein paar unscharfe Schnappschüsse gibt es seitdem von der Frau, die einmal das Idol einer Epoche war. Als ich sie zum erstenmal sah, war sie schon fast 60 – und immer noch faszinierend schön. Wir trafen uns bei gemeinsamen Freunden, und das Gespräch drehte sich, wie fast alle Gespräche in jenen Tagen, um den Krieg in Vietnam. Greta beteiligte sich nur zögernd. Obwohl sie überraschend gut informiert war, beendete sie fast jeden ihrer Sätze mit einem verlegenen: "Ihr wißt das alles natürlich viel besser als ich." Die göttliche Garbo, Tochter eines Kopenhagener Müllkutschers, fühlte sich unbehaglich in einer Runde, die ihrer Art zu leben nicht entsprach. Wenig später begegnete ich ihr abermals – im schweizerischen Kurort Klosters, auf einer Party der amerikanischen Filmschauspielerin Deborah Kerr. Hier, unter ihresgleichen, sprühte sie vor Witz und erzählte eine Anekdote nach der anderen. Der berühmte Maler Salvador Dali, sagte sie, habe ihr einmal das Bild eines Totenkopfes gezeigt, den er aus den Fotos sechs nackter Mädchen zusammengeklebt hatte. »Er wollte mich schockieren", kicherte sie zwischen zwei Martinis. "Aber ich habe ihm klargemacht, daß er mit 16 nackten Mädchen einen noch viel größeren Effekt erzielen würde, allein schon wegen der Details. Und was soll ich Ihnen sagen – er machte sich sofort an die Arbeit." Die Garbo, ein Geschöpf voller Gegensätze und Widersprüche. Aber stets mit beiden Beinen auf der Erde.
Zehn Jahre später, 1937, stand sie auf dem Gipfel ihres Ruhms, verdiente eine halbe Million Dollar im Jahr, drehte einen Film nach dem anderen – und litt. "Je heller ihr Stern am Kinohimmel strahlte, desto düsterer wurde es in ihrem Herzen", schrieb einer ihrer Biographen. Es traf den Kern. Ausgerechnet sie, die schönste Frau der Welt, Mittelpunkt von Millionen Männerträumen, blieb zeit ihres Lebens einsam. Der erste Mann, in den sie sich verliebte, war ihr Filmpartner John Gilbert. Zweimal war der Hochzeitstermin bereits festgelegt, zweimal ergriff die Garbo kurz vor dem Glockenläuten die Flucht. Ähnlich glücklos endeten auch ihre Affären mit dem berühmten Regisseur Rouben Mamoulian und Dirigenten Leopold Stokowski. Glücklich war die Garbo nur einmal in ihrem Leben: an der Seite des Kunstsammlers George Schlee. Einer ihrer Vertrauten erzählte dazu folgende Geschichte. Am 12. August 1958 waren die beiden zu Gast auf der Onassis-Yacht "Christina" – zusammen mit Sir Winston Churchill und dem englischen Zeitungsverleger Lord Beaverbrook. Schon nach den ersten Minuten des Gesprächs knurrte Churchill: "Nehmen Sie doch Ihre dunkle Brille ab; ich möchte Sie sehen!" Die Garbo gehorchte – brav wie ein Schulmädchen. Und alle blickten in das sanft errötende Gesicht einer verliebten Frau. Lord Beaverbrook blieb dieser Augenblick unvergeßlich: "Sie sah plötzlich zwanzig Jahre jünger aus." Sechs Jahre danach, im Oktober 1964, erlag Schlee in einem Apartment des Pariser Hotels Crillon einen Herzinfarkt. Fortan verbarg sie ihr Gesicht unter breitkrempigen Hüten und legte nie wieder ihre dunkle Brille ab. Kürzlich sah ich sie die 57. Straße in Manhattan überqueren, in engen Männerhosen, auf dem Kopf einen zerknautschten Regenhut. Niemand erkannte sie. ich wollte hinter ihr her eilen, sie begrüßen, von den alten Zeiten reden. Ich tat es nicht. Unsterbliche soll man nicht stören. |
© Bunte · Nr. 16 · 11. April 1979 |
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Was nützen die schönsten Sterne am Firmament, wenn keiner sie entdeckt? Greta Gustafsson, Schülerin der Königlichen Schauspiel-Akademie in Stockholm, hatte das Glück, mit siebzehn Jahren schon einem Sterndeuter in die Hände zu fallen: Maurice Stiller, dem genialen schwedischen Regisseur der Stummfilm Ära. Das war im Sommer 1923 und die Straßenfegertochter glaubte, schon am Ziel ihrer Wünsche zu sein: Nach der Volksschule hatte sie eine Lehrstelle bei einem Friseur bekommen und mit dem Rasierpinsel die Männer einschäumen gelernt, dann war sie Verkäuferin in einem Warenhaus geworden, dann Fotomodell für Hüte, und schließlich war sie an die Königliche Akademie für Schauspielkunst gekommen, die dem berühmten Staatstheater "Dramaten" angeschlossen war, so sie bereits als Kleindarstellerin beschäftigt wurde – und: Sie hatte im Sommer 1922 schon ein Röllchen in einem Filmchen gespielt, das "Peter, der Tramp" hieß. Sie war groß und dick und hatte nicht die allerbesten Zähne, aber jeder, der etwas von belichteten Zelluloid ausgehen kann, vergaß ihren Körper, wenn er den Kopf sah: große, strahlendblaue Augen, ein ungemein fotogenes Gesicht, eine stolze, feingeschwungene Nase, ein edles Kinn – und wie die Attribute alle lauten. Die Garbo war einfach nicht zu beschreiben, die mußte man gesehen haben – auf der Kinoleinwand. "So etwas", sagte Maurice Stiller, "gibt es nur alle hundert Jahre einmal vor der Kamera!" Aber das sagte er nicht zu der Siebzehnjährigen, der der sagte er eher barsch: "Du mußt sofort zwanzig Pfund abnehmen!" Und im selben Sommer 1923 noch drehte er mit ihr "Gösta Berling", den ersten "richtigen" Film mit der Garbo – und gab ihr auch den Namen, der die Filmwelt erschüttern sollte. Deutschland wurde das Hauptabsatzgebiet des schwedischen Films, und in Deutschland wurde das neue Gesicht aus Schweden gleich ein noch größerer Erfolg als in seinem Ursprungsland. Bevor Maurice Stiller mit Greta Garbo, in die er sich leidenschaftlich verliebt hatte, einen zweiten Film drehen konnte, lud der nicht minder geniale Regisseur G. W. Pabst sie nach Berlin ein und bot ihr die Hauptrolle in seinem Stummfilm-Werk "Die freudlose Gasse" an. |
Und damit begann der Aufstieg der Greta Garbo – und die Tragödie des Maurice Stiller. Rasend vor Eifersucht begleitete Stiller "sein Geschöpf", das er in jeder Hinsicht geformt und dressiert hatte, nach Berlin. "Die freudlose Gasse" wurde zu einem Klassiker der Filmgeschichte (in einer Szene wird Greta Garbo von einer hinzuspringenden Statistin gestützt und weggeführt – Marlene Dietrich). Aber Stillers Film "Gösta Berling" war auch nach Amerika verkauft worden, und noch bevor "Die freudlose Gasse" ihre Uraufführung erlebte, machte der berühmte Louis B. Mayer von Metro-Goldwyn-Mayer einen Vertrag mit Maurice Stiller, der ihn nach Hollywood verpflichtete. Stillers Bedingung: "Nur wenn ich meine Freundin mitbringen darf – und wenn auch sie einen Vertrag bekommt!" Widerwillig akzeptierte Louis B. Mayer, der persönlich in Berlin aufgetaucht war. Die Garbo sah er kaum an, als er ihr einen typischen Anfängerinnen-Vertrag zu 350 Dollar die Woche in die Hand drückte. Sie waren kaum in Hollywood – jetzt sind wir im Sommer 1925 –, da kümmerten sich die Konfektionäre um das Gesicht der neuen Schwedin: Make-up, Zahnkorrekturen, Frisuren und Kleider. Und Englischstunden und Interviews, Interviews, Interviews – wenn Louis B. Mayer sie schon eingekauft hatte, dann wollte er sie auch so bald wie möglich in irgendeinem Film einsetzen. Maurice Stiller wich wieder einmal nicht von ihrer Seite. Anstatt sich um seinen ersten amerikanischen Film zu kümmern, mischte er sich in ihre Kleiderfragen und die Herstellung erster Cheese-cake-Fotos ein – und machte sich überall unbeliebt. |
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Aber Greta Garbo behielt ihren schönen Kopf oben. In einem ihrer ersten Interviews äußerte sie so ungewöhnliche Ansichten, daß sie schlagartig Aufmerksamkeit in der Presse erregte. Anstatt, wie alle Starlets, zu beteuern, daß sie glücklich sei, in Hollywood arbeiten zu dürfen, antwortete sie: "Happy? Warum sollte ich happy sein?" Das war eine Sensation. Der Begriff Glücklichsein gehörte zum amerikanischen Erfolgsrepertoire wie gutes Aussehen und Geldverdienen. Ein Mädchen, das behauptete, der Mensch müsse nicht immer glücklich sein – gerade war Gretas ältere Schwester Alva in Schweden an Tuberkulose gestorben –, das hatte es in Hollywood überhaupt noch nicht gegeben. Greta Garbo machte Schlagzeilen, bevor sie vor der Kamera gestanden hatte. Und MGM setzte sie sofort ein, als Primadonna in einem Film um unglückliche Liebe, der "The Torrent" hieß. Als der Film herauskam, ernannte "Variety", die größte Show-Busineß-Zeitung, sie zur "Entdeckung des Jahres 1926". MGM erhöhte freiwillig ihre Wochengage auf 6000 Dollar, und Maurice Stiller, der unermüdlich weiter mit ihr arbeitete, probierte und nach Stoffen suchte, sollte nun endlich seinen zweiten Film mit ihr machen dürfen. "The Temptress" hieß der, "Die Verführerin", und wie dieses Unternehmen ausging, ist inzwischen Filmgeschichte geworden. Maurice Stiller wurde nach wenigen Wochen gefeuert, weil er sich allzu genialisch benahm, und ein anderer nahm seinen Platz ein. Er hatte sich in eine unerträgliche Situation manövriert: abhängig von seinem Geschöpf, "seiner" Garbo.
Der Mythos Garbo wuchs ins unendliche. Denn die Presse ließ nicht locker, und mit jedem Versuch, ihr Schweigen zu brechen, wuchs ihre Abneigung gegen die Öffentlichkeit. Die Nachricht von Stillers Tod erreichte sie in den Arbeiten von John Gilbert, mitten in einer Filmszene zu "Anna Karenina", dem zweiten Film mit ihm. Sie wurde blaß, lehnte sich einen Augenblick mit geschlossenen Augen an die Wand – und arbeitete dann weiter. Ihre Liebe zu ihrem Entdecker und ersten Lehrer war längst vergangen, aber später gestand sie Freunden: "Nie habe ich einen Mann mehr geliebt als Maurice ..." Die Liebe zu John Gilbert dauerte nur zwei Jahre. Als er 1929 seinen letzten Stummfilm mir ihr machte – es war der dritte und Garbos siebter in Hollywood–, ging seine Karriere jäh zu Ende: Seine Stimme eignete sich nicht für den Tonfilm. Die Karriere der Greta Garbo aber fing erst richtig an ... "Anna Christie", "Mata Mari", "Menschen im Hotel", "Königin Christine", noch einmal "Anna Karenina", die "Kameliendame", "Maria Walewska", "Ninotschka" – das sind die Titel der Filme, die eine ganze Generation berauscht haben – und noch viele, viele Generationen mehr verzaubern werden, denn das Fernsehen macht diese Klassiker der Filmgeschichte wahrhaft unsterblich, indem es sie wieder und wieder vorführt.
Dazu kam, daß Amerika Ende 1941 in den Krieg eintrat, das leben mit einem Schlag, auch in Kalifornien, bitter ernst wurde und sie sich "alberne Darstellungen lächerlicher Probleme" einfach nicht mehr vorstellen konnte. Sie verschwand. Und sie fühlte sich so wohl dabei, daß sie ihren Einfluß nie bereute. Außerdem hatte sie es finanziell auch nicht nötig. Ihr Geld ist gut angelegt und hat sich immer nur vermehrt. Die Liebe suchte sie seit John Gilbert nur noch außerhalb der Filmbranche – darum ist auch so wenig Pikantes über sie an die Öffentlichkeit gedrungen. Sehen ließ sich sich nur mit väterlichen Freunden wie Leopold Stokowski, dem großen Dirigenten, oder Gaylord Hauser, dem Frauen abgeneigten Ernährungsapostel, oder Georges Schlee, dem Besitzer eines New Yorker Modehauses, mit dem sie seit 25 Jahren befreundet ist. Heute lebt die 73jährige ruhig und abgeschieden in einer New Yorker Sechs-Zimmer-Wohnung mit Blick auf den East River und wird auf der Straße kaum noch erkannt, da die Menschen das Bild der jungen Garbo aus dem Fernsehen im Kopf tragen (wollen). Wäre sie nicht so konsequent geblieben, gäbe es den Garbo-Mythos längst nicht mehr. |
© STERN, Nr. 41 · 10. Oktober 1965: Rache an Greta GarboWährend alle Welt der „berühmtesten Schauspielerin des Jahrhunderts“ am 18. September zu ihrem 60. Geburtstag huldigte, kostet eine Frau in Frankreich ihre späte Rache an Greta Garbo aus. Valentina Schlee (59), Witwe des am 4. Oktober 1964 in Paris gestorbenen Bankiers George Schlee (64), mußte ihren Mann ein Vierteljahrhundert lang mit der Garbo teilen. In diesem Jahr verschloß sie der „Göttlichen“ ihre Ferienvilla „Le Roc“ in Cap d’Ail an der französischen Riviera. Es ist die Villa, in der sich Greta Garbo zu Hause fühlte und von der man lange Jahre fälschlich annahm, sie gehöre der Diva. In Wahrheit war sie hier ein von der Ehefrau nicht gern gesehener Gast ihres Freundes und Finanzberaters George Schlee. |
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Die Freundschaft zwischen dem Finanzmann und der gefeierten Filmschauspielerin hatte in den dreißiger Jahren begonnen. Schlee, in Rußland geboren und aufgewachsen, war nach der Oktoberrevolution nach Amerika emigriert und hatte dort eine Landsmännin geheiratet. George und Valentina Schlee eröffneten in New York ein Modeatelier, das bald zum Treffpunkt der Filmprominenz wurde. Dort lernten sich Greta Garbo kennen. Schlee wurde Berater und Vertrauter der Garbo, ein Zuschauer bei ihren zahlreichen, meist erfundenen Romanzen. Als sie später nicht mehr filmte, zog sie sich mit Schlee häufig in dessen Villa „Le Roc“ zurück. |
Valentina Schlee hat diese Bindung nie überwunden. Nach dem Tode ihre Mannes ließ sie seinen Leichnam von Paris nach New York bringen und heimlich beerdigen. Sie wollte nicht, daß ihr Schmerz„durch die Anwesenheit einer anderen Frau besudelt wird“. Alle persönlichen Gegenstände der Garbo in „Le Roc“ wurden in Kisten verpackt und landeten auf dem Dachboden. Ihre Möbel wurden verkauft, die zahlreichen Garbo-Bilder verbrannt. Valentina Schlee selbst bezog das Zimmer, in dem die Garbo einst wohnte. Sie war gründlich in ihrer Rache: Alle Spuren der Diva sollten ausgelöscht werden. Keineswegs ausgelöscht ist allerdings der Ruhm der Garbo, obwohl sie seit mehr als 24 Jahren nicht mehr gefilmt hat. Greta Garbo wohnt heute meist in einem eigenen Mietshaus in New York. Manchmal besucht sie das Museum of Modern Art und läßt sich im Archiv ihre alten Filme vorspielen. Allein der Portier ist dann anwesend, und er erzählt: „Hier blüht sie auf, wird froh, spricht ununterbrochen und immer in der dritten Person über sich selbst ‚Welch eine Frisur sie hat’ ...“ Das Staunen gilt der Darstellerin jener 26 Filme, die Greta Garbo seit 1926 in Amerika drehte, und die sie zum Idol und zur Legende von Millionen Kinobesuchern machten. So rühmte ein Kritiker das verträumte Gesicht mit den großen, tiefliegenden Augen und den schmalen Augenbrauen: „Ihr Gesicht gibt mühelos jede zarteste Regung wieder. Ihre Stimme schattiert die sparsamsten Worte. Seit Eleonore Duse hat man eine solche Differenziertheit nicht gesehen. Greta Garbo spielt mit Nerven, aber niemals mit Hysterie. Niemals nimmt das Gefühl überhand, alles ist kontrolliert.“ Unverstandene Frauen und Mädchen fühlten sich von diesem faszinierenden Gesicht ebenso angezogen wie Männer, die sich durch die Garbo herausgefordert sahen, „diese Sehnsucht zu befriedigen, Retter und Erlöser der Unverstandenen zu werden.“ (Neue Züricher Zeitung). Sie blieb in allen ihren Filmen Greta Garbo. Nicht sie schlüpfte in die Filmrollen, die Drehbuchautoren paßten ihre Figuren der Garbo an. Mit dem Namen Greta Lovisa Gustafsson war sie in Stockholm als Tochter eines Seemanns zur Welt gekommen. Nach der Schulzeit wurde sie Lehrling in einem Friseursalon, später Hutverkäuferin in einem Kaufhaus, und mit 15 posierte sie als Mannequin für Werbefotos. Dabei fielen erstmals ihr Gesicht und ihr Talent auf. |
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Für den Film entdeckt wurde sie von dem schwedischen Regisseur Mauritz Stiller. Nach einer Nebenrolle als Badenixe in dem Streifen „Peter, der Vagabund“ (1922) gab er der 18jährigen eine Rolle in „Gösta Berling“, nach dem Roman von Selma Lagerlöf. Stiller zuliebe hungerte sich Greta Gustafsson zehn Kilo Jungmädchenspeck ab, und ihm verdankt sie auch ihren Filmnamen. Stillers Überlegung ist überliefert: „Gabor, Gabro, Garbo – das ist es.“ Garbo bedeutet im Portugiesischen Anmut. Der Lagerlöf-Film folgte ein kurzes Gastspiel in Berlin. Unter G. W. Pabst drehte sie den Stummfilm „Die freudlose Gasse“. 1926 wurde Greta Garbo mit Regisseur Stiller von der Hollywood-Firma MGM verpflichtet und ging in die USA. Aber während ihr Aufstieg erst begann, arbeitet der ihr angeblich auch privat verbundene Stiller glücklos. Er kehrte 1928 nach Stockholm zurück und starb im gleichen Jahr. Die Bekanntschaft mit ihrem Entdecker ließ später auch alle anderen Bekanntschaften spekulativ zu Amouren werden. Die Skala reicht von ihrem Leinwandpartner John Gilbert über den Dirigenten Leopold Stokowski, Englands Hoffotografen Cecil Beaton, den Schriftsteller Noel Coward bis zu Baron Erich Goldschmidt-Rothschild. Dauerhaft war nur ihre Freundschaft mit George Schlee. Mit Hollywood begann Greta Garbos Weltkarriere. Hier wurde sie zum Mythos und Symbol, erhielt wegen ihrer „überirdischen Schönheit“ den Beinamen „die Göttliche“. Sie erhielt pro Film 250.000 Dollar. Die heute noch bekanntesten sind. „Anna Karenina“, „Königin Christine“, „Menschen im Hotel“, „Ninotschka“, „Maria Walewska“, „Mata Hari“ und „Die Kameliendame“. Fast immer war es die Rolle der großen, tragisch liebenden der Literatur und Geschichte, die sie darstellte. Als sie unter Ernst Lubitsch 1939 das Lustspiel „Ninotschka“ drehte, wurde ihr Filmlachen sogar zum Werbeslogan: „Die Garbo lacht.“ Ihr letzter Film hieß „Die Frau mit den zwei Gesichtern“. Er wurde ein Mißerfolg, und danach – um die Jahreswende 1941/42 – zog sie sich endgültig von der Leinwand zurück. Die Frau, die sich mit riesigen Schlapphüten, weiten Mänteln und überdimensionalen dunklen Augengläsern tarnt und unter falschen Namen ruhelos und meistens unerkannt durch die Welt reist, wurde eine Meisterin im Versteckspiel. Greta Garbo war mit 36 Jahren zur Legende geworden. Sie blieb legendär, weil sie nie mehr an ein Comeback dachte. |
© BRIGITTE, Nr. 25 · November 1956: Die Garbo kommt– die Garbo geht: Wird das Leben der größten Filmschauspielerin unseres Jahrhunderts in Resignation und Bitterkeit enden? Von Greta Garbos Welterfolgen und Enttäuschungen erzählt diese Folge unseres Berichtes.Die Garbo war sich sicherlich wieder selber nicht klar über ihre Gefühle zu Sörensen. In ihrem Brief an ihn – es war, wie sie schrieb, der längste ihres Lebens – hatte sie auch ihre Befürchtungen über den Tonfilm zum Ausdruck gebracht. "Viele große sogenannte Sterne", heißt es dort, "denken an Abreise. Ach, ich weiß nicht, wie lange ich noch Filmscheuche sein werde ..." Filmscheuche. Das war Greta. Sie hat ihre Position in Hollywood nie so ernst nehmen können wie andere Schauspieler. Aber vielleicht war es das Gefühl, unsicheren Zeiten entgegenzugehen, daß sie Sörensen bat, nach Amerika zu kommen. Sie wusste, daß sie sich gut mit ihm verstand, daß er ihr ergeben war, ihr aber nicht gefährlich werden würde, weil er so großen Respekt vor ihr hatte. Sie wollte einen Kavalier als Beistand haben, nichts weiter, einen Ritter ohne Furcht und Tadel sozusagen. Oder bedeutet Sörensen ihr doch mehr? Kurz bevor der Dampfer "Canada", auf dem er reiste, in San Pedro einlief, schickte er der Garbo ein Telegramm. Sie antwortete sofort. |
Komme, wenn nicht zuviel Menschen Obwohl die Unterschrift fehlte, wusste er sofort, daß nur sie die Absenderin sein konnte, denn dieser Telegrammstil war typisch für die Garbo. Sie kam tatsächlich. Die Begrüßung an Deck verlief völlig undramatisch. "Ich glaubte", sagte die Garbo verwundert, "Sie würden vor Freude hüpfen – aber ich werde eben immer vom Leben enttäuscht." Das ist mehr als eine Feststellung, das ist ein Bekenntnis. Eine junge Frau, noch nicht fünfundzwanzig Jahre alt, der eine Welt zu Füßen liegt, behauptet rundheraus: "Ich werde immer vom leben enttäuscht!" Es stellt sich die Gegenfrage: Was hat Greta Garbo vom Leben erwartet? Anscheinend hat sie sich darüber überhaupt keine Gedanken gemacht. Gretas faszinierende Stimme Viele große Künstler scheiterten damals am Tonfilm, Greta dagegen hatte Glück: ihre Stimme faszinierte das Publikum genau so wie es ihre äußere Erscheinung bisher getan hatte. Und das hatte doch nichts mit Können zu tun, das war einfach ein Glücksfall. das Leben enttäuscht sie doch nicht! An dem Tage, an dem zum erstenmal ihre Stimme im Studio auf eine Wachsmatrize aufgenommen wurde, hatte sie bereits um halb drei Uhr morgens Wilhelm Sörensen angerufen und ihn zum Frühstück zu sich bestellt. Es war ein nebliger, dunkler Morgen. Greta nahm das als gutes Omen, denn das war ja "ihr" Wetter, das "Greta-Garbo-Wetter". Sie ließ sich morgens um sechs Uhr von Sörensen ins Atelier begleiten. Das war einmalig und beweist, wie große ihr Lampenfieber gewesen sein muss. Atemlos lauschte der technische Stab, als sie die ersten Worte ins Mikrophon sprach. Sie waren an einen Kellner gerichtet. "Whisky. Aber nicht zuwenig", hatte sie zu sagen. Mittags um eins konnten die Tontechniker die Aufnahme über die Lautsprecher laufen lassen. Die Garbo stand in der Nähe von Kameramann William Daniels, als ihre Stimme durchs Atelier hallte. |
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"Ich ließ sie keine Sekunde aus den Augen", erzählt er. "Sie hatte die Augen geschlossen und lauschte. Im Hintergrund stand ihr Dienstmädchen Alma und bekreuzigte sich, so sehr hatte sie sich über diese Stimme aus dem Lautsprecher erschrocken. Wir alle dachten: Ist das wirklich Greta? Ihr ging es ähnlich. Als die Aufnahme abgelaufen war, sah sie sich um: "Mein Gott", sagte sie, "bin ich das wirklich gewesen?" Der Regisseur des Films – die MGM hatte Eugen O'Neills Stück "Anna Christie" zu Gretas Tonfilmdebüt ausgesucht und Clarence Brown mit den Dreharbeiten betraut – ging langsam auf sie zu, umarmte sie und küsste sie auf die Wange. "Fein, Greta", sagte er, nichts weiter. Das hieß: Ich bin zufrieden! Die Garbo hatte damit ihre Stellung auf dem Filmthron behauptet, denn auch das Publikum und die Kritiker waren von Gretas tiefer, kehliger Stimme begeistert. Am glücklichsten war Metro-Goldwyn-Mayer. Ihr Spitzenstar hatte den Tonfilm überlebt! Die Menschen stürmten die Kinos, um die Garbo sprechen zu hören. Und ihr Vertrag lief noch bis zum Jahre 1932! Filme, Filme, Filme
Als ihr Kontrakt beendet war, reiste sie nach Schweden ab, ohne einen neuen abgeschlossen zu haben. "Darüber entscheide ich noch rechtzeitig", sagte sie den Direktoren der MGM zum Abschied. In New York gelang es Reportern, bis zu ihr vorzudringen. "Fahren Sie weg, um zu heiraten?" fragte einer von ihnen. "Ich denke gar nicht daran!" entgegnete Greta bissig. Wen hätte sie auch heiraten sollen? Sörensen war inzwischen längst wieder nach Schweden zurückgekehrt, mit den Partnern ihrer letzten Filme hatte sie nur beruflichen Kontakt gehabt. Sie blieb fast ein Jahr in Schweden. Erst am 26. März 1933 kehrte sie nach Amerika zurück, um den Film "Königin Christine" zu drehen, für den ihre Freundin Salka Viertel das Drehbuch geschrieben hatte. Salka, gebürtige Polin, Max-Rheinhardt-Schülerin, war mit ihrem Mann, dem Regisseur Berthold Viertel, Anfang der dreißiger Jahre nach Hollywood gekommen, hatte dort Greta kennengelernt und sich schnell mit ihr angefreundet. Ihrem Einfluss war es zuzuschreiben, daß sich die Garbo entschloss, diese Rolle anzunehmen, nachdem sie monatelang alle anderen Vorschläge abgelehnt hatte. Die Figur der Königin Christine, einer schwedischen Monarchin aus dem 17. Jahrhundert, die Dutzende von Liebhabern hatte, die mit Geld, Adelstiteln und Ländereien um sich warf, als Achtundzwanzigjährige abdanken musste und irgendwo in Italien vergessen starb, diese Figur faszinierte Greta Garbo. Laurence Olivier genügt nicht In der männlichen Hauptrolle: John Gilbert. Greta hatte darauf bestanden, daß ihm noch einmal eine Chance gegeben wurde, nachdem sie festgestellt hatte, daß sie keine Liebesszene mit dem ursprünglich für die Rolle vorgesehenen Laurence Olivier spielen konnte. Olivier, heute der große Sir Laurence des britischen Films, hatte Gretas Ansprüchen nicht genügt! Gretas Protektion nützte Gilbert doch nicht viel. Er erlebte kein Come-back, obwohl "Königin Christine" ein Erfolg wurde, weil Garbo mitspielte. Danach drehte sie "Der bunte Schleier" (frei nach Somerset Maugham); "Anna Karenina" (nach Tolstojs Roman); "Die Kameliendame" (mit Robert Taylor, der – wie Marianne Koch – Medizin studiert hatte, ehe er zum Film ging) und "Maria Walewska" (mit dem jungen Charles Boyer als Partner). Der künstlerisch bedeutendste dieser drei Filme war "Die Kameliendame". Nach Ansicht vieler Kritiker ist das überhaupt der beste Greta-Garbo-Film gewesen. Aber auch für diese Rolle bekam sie nicht die höchste Auszeichnung, die Hollywood zu vergeben hat, den "Oscar". Es ist ein Treppenwitz der Filmgeschichte, daß der international anerkannte Filmstar der Traumfabrik diesen Preis nie bekam.
Wie Wagner und Cosima Im Sommer 1937, während der Dreharbeiten zu "Maria Walewska", machte die Garbo die Bekanntschaft von Leopold Stokowski. Er hatte jahrzehntelang das berühmte "Philadelphia-Sinfonie-Orchester" dirigiert und war gerade verpflichtet worden, bei ein paar Hollywood-Filmen mitzuarbeiten. Eine gemeinsame Bekannte arrangierte ein Zusammentreffen von Stokowski und Greta. Er machte ihr Komplimente und steigerte sich schließlich, selbstbewußt wie er ist, zu der Behauptung: "Ich fühle, wie nahe wir uns stehen. Es ist vorherbestimmt, daß wir gemeinsam eine Romanze erleben, die in die Geschichte eingehen wird – so wie die Liebe zwischen Wagner und seiner Cosima ... !" Andere Frauen, die realistischer ware als Greta, hätten Stokowski wahrscheinlich ins Gesicht gelacht. Aber sie tat es nicht. Obwohl sie sich äußerst gegen Stokowskis selbstbewußte Art wehrte, innerlich wirkten seine Worte in ihr nach. Immer häufiger war sie jetzt in Stokowskis Gesellschaft zu sehen. Sie gingen zusammen ins Theater, sie aßen zusammen, sie tanzten in Nachtklubs. Stokowskis zweite Frau reiste aus Los Angeles ab und reichte die Scheidung ein. Greta dementierte alle Heiratsabsichten. Zum Weihnachtsfest fuhr sie zu ihrer Familie nach Schweden. Stokowski begleitete sie zum Schiff. Die Gerüchte überschlugen sich. Und im Februar reiste schließlich auch er nach Europa. Er mietete in der Nähe von Neapel eine alte Villa. Ein paar Tage später tauchte Greta dort auf. Die Romanze "wie zwischen Wagner und Cosima" hatte begonnen.
Die Garbo lacht Ihr nächster Film war "Ninotschka". Bisher hatte sie mehr oder weniger nur tragische Rollen gespielt. Jetzt solle sie die heitere Figur einer russischen Kommunistin darstellen, die nach Paris kommt und hier den Verlockungen der dekadenten westlichen Welt erliegt. Ernst Lubitsch, der beste Lustspielregisseur, den der Film bisher hervorbrachte, war der Regisseur. . Lubitsch hatte seine ersten Erfolge bei der Berliner "Bioskop"-Filmgesellschaft gehabt und war bereits 1923 nach Hollywood gegangen. Zum erstenmal in einem Film mußte die Garbo in einer Szene nicht nur lächeln, sondern auch laut lachen. Sie hatte Angst davor. Lubitsch half ihr über denn kritischen Punkt hinweg. Er sprach die Szene genau mit ihr durch, beseitigte ihre Hemmungen, indem er Witze riß, und schließlich war sie locker, gelöst – einfach großartig. Nach der Uraufführung des Films waren die Kritiker zum erstenmal nicht einhellig der Ansicht, daß die Garbo unübertrefflich sei. Trotzdem wurde der Film ein Riesenerfolg. Dann brach der Krieg in Europa aus. Greta garbo fürchtete eine deutsche Invasion in Schweden und holte ihre Mutter und ihren Bruder Sven mit seiner Familie nach Amerika. Im Dezember 1939 kamen die Gustafssons in Hollywood an. Danach war Greta wieder unbeschwert und fröhlich, wie sie in den Jahren vorher kaum jemand kennengelernt hatte. Schon bei den Dreharbeiten zu "Ninotschka" war ihre jugendliche Ausgelassenheit allgemein aufgefallen. Das hatte einen einfachen Grund gehabt: sie war wieder einmal verliebt! Gayelord Hausers Aufsicht Gayelord Hauser hieß diesmal der Glückliche. Unnötig zu erklären, wer das ist. Hauser hat Millionen Frauen auf der ganzen Welt zu einer Diät gezwungen, die allen, die sich ihre verschreiben, gutes Aussehen und langes Leben verspricht. Kein Wunder, daß er bei diesen Versprechungen bis heute erfolgreich ist. Angeblich lebt er selber nach seiner Lehre, die auch den Alkoholkonsum verbietet. Wie weit diese Beteuerung ehrlich ist, soll hier nicht debattiert werden. Cornell Borchers jedenfalls erzählte nach ihrer Rückkehr aus Hollywood im Mai dieses Jahres, daß sie Hauser erwischt hätte, als er gerade mit größtem Appetit ein Glas Whisky leerte. Greta hatte ihm auf einer Party kennengelernt, die er in seiner Villa in Hollywood gab. Mercedes Acosta, eine Drehbuchautorin, die in der Nähe von Greta ein Haus bewohnte und mit der sie sich vor Jahren angefreundet hatte, hatte sie überredet, mitzukommen. Die Garbo fand es bei Hauser entsetzlich langweilig. Er fühlte sich als Gastgeber beleidigt, verlangte, daß sie ihn ein anderes Mal besuchte. Er würde, so versicherte Hauser, interessante Gäste einladen. Greta nahm seine Einladung an – unter der Bedingung, daß außer ihr niemand kommen dürfe. Hauser willigte begeistert ein. Er bereitete Gretas Besuch in allen Einzelheiten vor. Er servierte dann eine seiner berühmten Diätmahlzeiten – und Greta war nicht nur vom Essen, sondern vor allen Dingen von dem reizenden Wirt beeindruckt. Unter seinem Einfluß nun begann die Garbo, am gesellschaftlichen Leben Hollywoods teilzunehmen. Er bemühte sich, genau wie John Gilbert, vor über zehn Jahren dieses ängstliche, verstockte, durch ihren eigenen Erfolg erschrockene Mädchen Greta zu einem normalen, weltaufgeschlossenen Menschen zu machen. Und er hatte Erfolg, zeitweilig zumindest. Allerdings ging auch diese "Romanze" bald in die Brüche. Aber immerhin schaffte Gayelord Hauser eines, was seinen Vorgängern bisher nie gelungen war: er blieb auch später eng mit der Garbo befreundet.
Sie wollen mich umbringen! Der Krieg in Europa stellte die Filmgesellschaften Hollywoods vor geschäftliche Probleme. In Amerika war zwar noch Frieden, aber der europäische Absatzmarkt fiel aus. Gerade die MGM wurde davon besonders betroffen. Denn Greta-Garbo-Filme hatten besonders in Europa ihr Publikum. MGM entschloß sich, der veränderten Situation Rechnung zu tragen. Die Garbo hatte bisher alle Experimente überstanden, sie würde, so hoffte man, auch den Versuch überstehen, den man jetzt machen wollte: aus ihr sollte über Nacht ein "typisch amerikanisches Mädchen" gemacht werden. Der Stoff, den man dafür ausgesucht hatte, war 1925 schon einmal in Amerika ein Erfolg gewesen: "Ihre Schwester aus Paris". Er bekam einen neuen Titel: "Die Frau mit den zwei Gesichtern". Greta las das Drehbuch, es gefiel ihr nicht. Sie ließ sich überreden, dennoch zuzustimmen. Er sollte ihr letzter Film sein. Ihr Gefühl sagte ihr während der Dreharbeiten, daß das keine Rolle für sie sei. Sie mußte im Badeanzug posieren wie damals in ihrem ersten Werbefilm, sie mußte sich ihr Haar abschneiden lassen, sie mußte ... sie mußte ... Eine neue Forderung jagte die andere. Der Regisseur verzankte sich mit dem Produzenten, auch unter den Darstellern herrschte Uneinigkeit, es war einfach eine unerfreuliche Atmosphäre im Atelier. Greta steigerte sich in die Auffassung hinein, das alles sei nur inszeniert worden, um sie endgültig, ein für allemal zu ruinieren. Von dunklen Vorahnungen befallen, sagte sie zu Freunden: "Sie wollen mich umbringen!"
Vielleicht hatte die Garbo doch recht, damals als sie sagte: "Ich werde immer vom Leben enttäuscht." Denn was führt sie für ein Leben? Bis heut ist sie Gefangene ihres Ruhmes geblieben, von neugierigen Augen verfolgt, ganz gleich, wo sie auftaucht. Sie ist jetzt 51 Jahre alt. Die Erfüllung, die jede Frau finden möchte, blieb ihr versagt. Sie hat keinen Mann, sie hat keine Kinder, sie hat nur die Erinnerungen an ihre Erfolge. Noch heute geht sie gelegentlich in das New-Yorker "Museum of Modern Arts", in dem auch die meisten ihrer Filme aufbewahrt werden und läßt sich irgendeinen ihrer alten Filme vorführen. Dann sitzt sie vor der Leinwand und schaut sich die Garbo an, die sie einmal war. "Sieh' mal", sagt sie dann manchmal zu einem ihrer Begleiter, "was sie jetzt macht ..." "Was sie jetzt macht ..." Dieses "sie", von dem Greta Garbo spricht, das ist Greta selbst – vor langer, sehr langer Zeit. Wahrscheinlich hat Greta recht, wenn sie es ablehnt, nach den vielen Jahren, die seit der "Frau mit den zwei Gesichtern" vergangen sind, noch einmal zu einem neuen Film zu spielen. Möglicherweise wäre sie in diesem neuen Film besser als je zuvor. Vielleicht würde sie aber selber dazu beitragen, einen Mythos zu zerstören, den Mythos, daß sie die größte Filmschauspielerin war, die seit der Erfindung des Kinemathographen auf der Leinwand erschien. Als die Aufnahmen zum Universal-Film "Der letzte Akkord" abgeschlossen waren und sich der grauhaarige und trotzdem noch so jung wirkende, vitale William Daniels, Kameramann fast aller Greta-Garbo-Filme, verabschiedete, um nach Hollywood zurückzufliegen, sagte er ein weises Wort. Er lächelte dabei und schaute hinüber zu den jungen Komparsinnen, die übermütig und schwatzend an der Aufnahmehalle 4/5 in Geiselgasteig vorbeischlenderten, um in der Filmkantine zu Mittag zu essen. Es war, als wollte er ausdrücken: Vielleicht läuft dort drüben eine neue Greta Garbo, und wir wissen es nur noch nicht? Daniels sagte: "Die Garbo kommt – die Garbo geht!" Neue Stars kommen – und gehen. Was bleibt, ist der Film. |
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© DER SPIEGEL, 31/1949: Der Seelenarzt irrte – Greta Garbo kehrt zurück
Diese Scheu führte bisher dazu, daß niemand ihr Leben genau kannte. Sicher ist, daß sie in ihrer Jugend Friseurgehilfin war, daß die magere Greta Gustafsson in der Firma Bergstroem Hüte und Pullover vorführte und verkaufte. Dann mußte der bärtige Herr Bergstroem dem Regisseur Mauritz Stiller als Chef Platz machen. Stiller ebnete der immer noch eckigen jungen Greta den Weg zum Film. Aus dem Mädchen Gustafsson wurde die Garbo, was auf portugiesisch Anmut bedeutet. Sie spielte die Elisabeth in "Gösta Berling". Unter G. W. Pabsts Regie drehte sie dann in Berlin "Die freudlose Gasse". Der Film war der Anfang eines freudvollen Weges nach Hollywood. Stiller wurde dort nicht nur ihr Regisseur, sondern ihr erstes Liebeserlebnis. Der 48jährige ging zurück nach Schweden, als die sehr anmutige 24jährige in John Gilbert den Partner und die größere Liebe fand. Er heiratete bald eine andere. Da begann Greta Garbos Menschenscheu, ihre gierige Beschäftigung mit geistigen Dingen. Noch immer konnte sie zwar alle ihre Partner zu einer vorübergehenden Verliebtheit inspirieren, aber die private Garbo umgab sich mit Einsamkeit. Vernichtend für ihren Glauben an ihre schauspielerischen Fähigkeiten war die einmütig ablehnende Kritik an ihrem letzten Film "Die Frau mit den zwei Gesichtern". Es stehe der Garbo schlecht, sich als Glamourgirl zu versuchen, behaupteten die Kritiker. Die Frauenvereine nahmen ihr die zweigesichtige Rolle übel. Damals sprach man viel von angeblichen Heiratsabsichten. Leopold Stokowski, der langjährige, ebenso große wie eitle Dirigent des Philadelphia-Symphonieorchesters, heiratet nach einer gemeinsamen Europareise nicht die Garbo, sondern die reiche Gloria Vanderbildt. Rouben Mamoulian, der Regisseur, dementierte ähnliche, ihn betreffende Gerüchte, die stets der Skandalchronik Hollywooder Klatschbasen entstammten. Tatsache ist nur die Freundschaft mit dem schwedischen Millionär Wilhelm Sörensen. Es blieb eine Freundschaft. Tieferen Einfluß hatte die Psychoanalyse auf Greta Garbo, die den Glauben an ihre Fähigkeiten verloren zu haben schien. Nach dreijähriger Behandlung stellte der Seelenarzt fest: "Greta Garbo wird nicht mehr filmen. Aber sie wird eine glückliche Frau." Der Psychoanalytiker behielt nicht recht. Die Garbo wird wieder filmen. Amerikanische Freunde behaupten, sie habe den Glauben an ihre Fähigkeiten wiedergefunden. Walter Wanger, ihr Prozent, verbürgt sich dafür, daß "Die Herzogin von Langeais" ins Atelier geht. Er nannte auch schon den Namen des Garbo-Partners: James Mason. Von ihm behaupten englische und amerikanische Filmleute, daß ihm seine Katzen verständnisvollere Freunde sind als die Menschen. |
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